Der dezente Glanz des Silbers

(Süddeutsche Zeitung vom 04.10.2012)
Olivenbäume - Beobachter der StilleAm 04.10.2012 erschien in der Süddeutschen Zeitung eine Rezension des Buches Olivenbäume – Beobachter der Stille.
Den gesamten Artikel der Süddeutschen Zeitung übernehmen wir hier noch einmal für Sie:

Der dezente Glanz des Silbers
Träumerische Augenblicke in turbulenten Zeiten: eine Charakterstudie des griechischen Ölbaums
von Stefan Fischer

Ihr Grün ist ein Grau, hat Friedrich Rückert gedichtet. Er wollte die Olivenbäume damit jedoch keinesfalls herabwürdigen, sondern ganz im Gegenteil die Bescheidenheit dieser knorrigen Gewächse hervorkehren. Und sei es unter Verdrehung der Tatsachen. Genauer hingesehen hat der Maler Vincent van Gogh: “Es ist Silber, das mal ins Blaue, mal ins Grüne spielt, bronzefarben und beinahe weiß auf gelbem, rosa, violettem oder orangem Boden, der bis zum stumpfroten Ocker geht.” Eines Tages, so hatte sich van Gogh vorgenommen, “mache ich vielleicht etwas ganz Persönliches daraus, wie ich es mit den Sonnenblumen für die gelben Töne gemacht habe”. Viel Zeit ist ihm nicht mehr geblieben, aber er hat dennoch eine Reihe Ölbäume gemalt – silberfarben in vielen Nuancen.
Van Gogh ist einer der zahlreichen Laudatoren, wenn man so will: Mehrere Dutzend Menschen werden mit kurzen Texten zitiert in dem Band “Olivenbäume. Beobachter der Stille”; in der Summe ergibt das eine Charakterstudie des Ölbaums. Dass Van Gogh gleich eingangs einen Auftritt bekommt, ist ein wenig unfair gegenüber Wassilis Dornakis. Weil man seine sechs, sieben Dutzend Aquarelle dadurch automatisch vergleicht mit den Bildern van Goghs. An dessen Meisterschaft reicht Dornakis nicht heran, klar. Aber auch er, der eigentlich Willy Dorn heißt und einmal in Berlin gelebt hat, hat den silbrigen Glanz der Olivenbäume erkannt und stellt ihn dezent heraus in seinen Bildern.
Es sind keine Menschen auf den Aquarellen zu sehen, die Bäume selbst nehmen manchmal die Gestalt von Menschen oder Fabelwesen an. Jedenfalls hat es hin und wieder den Anschein, wenn man genauer hinsieht. Der Band wagt, in dieser turbulenten Zeit in Griechenland, einen ganz und gar träumerischen Blick auf das Land.

Pressefoto SZ
Der Ölbaum in Ano Vouves im Westteil Kretas ist eine Touristenattraktion, er gilt als der älteste seiner Art auf der Welt. Aus seinen Zweigen wurden einige Kränze geflochten, die man Olympiasiegern 2004 in Athen aufsetzte.

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